Geodateninfrastruktur Niedersachsen (GDI-NI) klar

Wurten und Deiche

Wurten, auch Warfen oder Wieden genannt, stellen eine spezifische Siedlungsform in den hochwassergefährdeten Gebieten an der Nordseeküste und an den Unterläufen der großen Flüsse dar. Dabei handelt es sich um künstlich aus Klei, Stallmist und Siedlungsschutt aufgehöhte Hügel, auf denen Häuser, Gehöfte, Kirchen, gelegentlich sogar ganze Dörfer errichtet wurden (Abb. 1und 2). Der Grund für die Aufhöhung der Siedlungsplätze waren Überflutungen seit dem letzten Jh. v. Chr. Infolge des Meeresspiegelanstiegs. Die Wurten sind nicht nur Denkmale des Ringens früherer Generationen mit dem Meer, sondern sie halten zugleich eine ungewöhnliche Fülle von Erkenntnissen bereit. Das liegt einmal an den außergewöhnlich guten Erhaltungsbedingungen für organische Stoffe wie Holz, Leder, Textilien und auch Pflanzenreste, die an anderen (weniger feuchten) Fundplätzen meist vergangen sind. Zum anderen können wir aus dem Übereinander verschiedener Siedlungsschichten die zeitliche Reihenfolge der einzelnen Bauten und Funde ablesen (Abb. 3).

Abb. 1 Kirchwurt in Esenshamm, Ldkr. Wesermarsch
Abb. 2 Kirchwurt von Gödens, Landkr. Friesland

So konnten bei eingehenden archäologischen Untersuchungen auf der Dorfwurt Feddersen Wierde im Land Wursten, Ldkr. Cuxhaven, sieben übereinander liegende Dörfer aus dem 1. Jh. v. Chr. bis zum 4./5. Jh. n. Chr. nachgewiesen werden. Nach einer hier wie im übrigen Küstengebiet ebenfalls zu beobachteten starken Siedlungsausdünnung im frühen 5. Jh. n. Chr. setzte im 7./.8. Jh. n. Chr. eine erneute rege Siedlungstätigkeit z.T. auf den alten, aber auch auf neu angelegten Wurten ein.

Mit dem spätmittelalterlichen Siedlungsausbau kommen neben den herkömmlichen Wurten in feuchten Niederungen und Moorrandgebieten jetzt erhöhte Wohnplatzgründungen verschiedener Bautechniken (Pfahlroste, Erhöhungen aus Hölzern mit zwischen liegenden Sandschichten u.ä.) auf.

Abb. 3 Schichtenaufbau einer Wurt bei St. Jürgen, Ldkr. Osterholz  
Abb. 3 Schichtenaufbau einer Wurt bei St. Jürgen, Ldkr. Osterholz - Foto: J.Deichmüller, NLD

Seit ca. 1000 n. Chr. wurden im niedersächsischen Küstengebiet die ersten Deiche angelegt, zunächst in Form von Ringdeichen (z.B. Sillens, Gde. Butjadingen, Ldkr. Wesermarsch), die die Wirtschaftsflächen eines Dorfes umgaben und die Ernte vor sommerlichen Überflutungen schützen sollten. Im Laufe des hohen und späten Mittelalters wuchsen die Deiche dann zu einem durchgehenden System zusammen wobei auf Ausbauphasen der Seedeichlinie häufig wieder Rücknahmephasen folgten, so vor allem nach den verheerenden Sturmfluten des Spätmittelalters (Jadebuseneinbruch, Heeteeinbruch).

Mit dem Bau der Deiche ging der Ausbau eines Entwässerungssystems im Hinterland mit Kanälen und entsprechenden Sielen in den Deichkörpern einher. Bei der ersten Ausgrabung eines mittelalterlichen Deiches im Jahre 1984 bei Stollhammer Ahndeich, Gde. Butjadingen, Ldkr. Wesermarsch, konnten mehrere Aufhöhungsphasen sowie die Reste eines hölzernen Klappsiels nachgewiesen werden.

Wurten und Deiche sind obertägig sichtbare elementare Bestandteile der Kulturlandschaft in der norddeutschen Küstenregion.

Deich Rüstringen

Deich Rüstringen - Foto: C.S. Fuchs, NLD

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Artikel-Informationen

Ansprechpartner/in:
Dr. Mathias Wilbertz

Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege
Scharnhorststraße 1
30175 Hannover
Tel: Telefon: 0511 / 925-5312
Fax: Telefax: 0511 / 925-5296

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